EINE PERSÖNLICHE ABSICHT

Natalia Wehler

Redraw Tragedy
Eine persönliche Absicht.

Themenausstellungen sind nicht meins. Ich begreife mich als Künstlerin und nicht als Kuratorin. Ich habe weder zu viel Zeit noch Geld – warum jetzt diese Themenausstellung kuratieren?

Als ich vor zwei Jahren den Kollegen Hiroyuki Kobayashi bei meinem Artist Talk in Japan traf, sprachen wir zunächst über die Parallelen unserer Arbeiten. Katastrophen und ihre Folgen, Gesellschaften und Gemeinschaften, Muster, Vervielfältigung, Druck, Abdruck, Form… Eine bereichernde Begegnung. Dass uns ein Austausch überhaupt gelang, bei spärlicher sprachlicher Basis, wurde mir erst im Rückblick klar. Kunst funktioniert jenseits von Sprache, anscheinend. Kobayashi-san kam einige Tage später wieder und brachte direkt die Idee für eine Ausstellung mit, die er mit Rie Tanji  und mir in seinem neuen Artist Space in Okayama präsentieren wollte: REDRAW TRAGEDY.

Gefiel mir. Eine mehrdeutige Aufforderung? Angesiedelt zwischen Nachzeichnen und Neuzeichnen, mit direktem Verweis in die Sphäre der Kunst. Das Offene, aber auch Verantwortungsbereite gegenüber dem Brutalen, Folgenschweren erschien mir fast kühn.

Lösungen, bitte!?

Die Aufforderung war so reizvoll wie fragil, zu schade, sie nur für uns drei zu reservieren. Zu gerne wollte ich sie in Deutschland zur Diskussion stellen. Mit der Idee im Kopf, Positionen zu zeigen, die sich widmen, ohne sich einem „Lösungen bitte, liebe Künstler:innen“ zu beugen. Über welche Arbeit wollte ich schon lange mehr erfahren und mit welchen Arbeiten gelänge eine Kommunikation auf Werkebene? Wer arbeitet länger und immer wieder zu einschneidenden Ereignissen oder langanhaltenden Tragödien? Mit wem würde ich gerne diskutieren? Und auch: Wer wagt den Themenbezug oder gar die Nähe zur oft verpönten kritischen Kunst ohne zu proklamieren oder zu missionieren?

Die Kolleg:innen und Kunstwissenschaftler:innen, die ich ansprach, reagierten trotz zunächst ungesicherter Finanzierung ehrlich interessiert, sich über die Inhalte zusammen zu finden. Das Künstlerforum, das sich einem offenen, überdisziplinären Dialog verschreibt, fand Gefallen am Thema, an den Künstler:innen und an der Diskussion.

Dass der Wunsch folgte, andere Perspektiven als die der Kunst und der Kunstwissenschaft kennenzulernen, erscheint mir organisch, erfreulich und konsequent. So sprechen hoffentlich bald Betroffene mit Künstler:innen, Soziolog:innen mit Helfer:innen, Psycholog:innen mit Kunstwissenschaftler:innen, Historiker:innen mit Interessierten und Besucher:innen — im virtuellen Raum und, wenn es Corona zulässt, auch vor Ort.

Das Thema.

Erweckt das Thema Katastrophe auch den Anschein von etwas Akutem oder etwas Abgeschlossenem mit einem eindeutigen Davor und Danach, so wird in der Kunst auch sichtbar, was verborgen lange gärt oder noch im Erbe schmerzt — Wer legt eigentlich fest, wo die Katastrophe beginnt und wann sie aufhört?

Digitales Begleitprogramm und Ausstellung sind weder ein künstlerischer noch ein kuratorischer Katastrophen-Rundumschlag . Im Gegenteil: Eine Vielzahl von Aspekten folgenschwerer Ereignisse, Krisen und Katastrophen sind in den Arbeiten der Ausstellung nicht vertreten. Der gezeigte Ausschnitt versteht sich als Einladung zu einen genaueren Blick auf Details, Substanz, Wesen, auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede, jenseits einer Reproduktion des Offensichtlichen. 

Mit Anknüpfungspunkten zur Rolle von Kunst und Katastrophe in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft wollen Ausstellung und digitales Begleitprogramm Raum schaffen, um zu hinterfragen, was die Krise von der Katastrophe absetzt, was das Persönliche von der Gesellschaft. Wo begegnen wir dem Planbaren, Kalkulierbaren, wo wird eine Katastrophe zur eigenen Tragödie und wann zur Katastrophe der anderen. Und mittendrin die Frage, wieviel Nähe und Distanz zum Folgenschweren unserer Arbeit gut tut. Wieviel Statement ist erlaubt, wie misst sich Qualität bei politisch angelegter Kunst?

Das Thema?

Menschen ertrinken auf der Flucht. Eisberge schmelzen. Kinder verhungern. Afghanistan. Corona. Fluten. Brände. Kriege. Unfälle. Krankheiten. Tode. Verluste. Es fehlte und fehlt nicht an Bildern zur Illustration des Themas. Aber der ganze Rest fehlt.

Vielleicht ist dies Appell und Aufgabe genug: Wir dürfen uns nicht verstecken und den hastigen Entscheidungen, Polittalks und Facebook-Kommentaren das Feld der Wahrnehmung überlassen.

So, wir gehen dann mal aufs Seil, balancieren.

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