KRISE UND KATASTROPHE – VOM GEBRAUCH DER BEGRIFFE

Michael Stockhausen

Krise, Katastrophe und die Kunst

 
Tragedy
. Ich kann dieses Wort kaum lesen, ohne die Stimmen der Bee Gees im Ohr zu haben. Dies mag ein persönliches Problem sein. Weniger persönlich scheint mir die Herausbildung einer Kunstrichtung, die noch zaghaft „Katastrophenkunst“ genannt werden kann. Sie ist Teil der „Politischen Kunst“ und tritt dort, vielleicht synonymartig, neben die „Krisenkunst“. Krise, das waren die 2000er: 9/11 und vor allem die Finanzen. Die fortgeschrittenen 2010er sprechen immer häufiger von der Katastrophe, wobei dies schwankt: Demokratie-, Flüchtlingskrise, Flüchtlings- und Flutkatastrophe; beispielsweise. Bei Corona ist das Wording nicht ganz klar. Meist sagt man Corona-Krise, spricht aber davon, dass die Katastrophe noch nicht überwunden sei.

I Krise und Katastrophe – vom Gebrauch der Begriffe

Im Alltags- wie behördlichen Sprachgebrauch ist die Katastrophe der Krise übergeordnet. Die Katastrophe ist ihre Steigerung, mitunter deren übermächtige Entladung. Sirenen markieren auditiv das Hereinbrechen der Katastrophe und warnen die Menschen, dass Gefahr für Leib und Leben besteht. Jedes Martinshorn ein Ausnahmezustand im Kleinen: Retten, was noch zu retten ist! Der Alarm ruft ein bestimmtes Reglement auf den Plan, welches veränderte Befugnisse und Machtverschiebungen mit sich bringt. Beide Begriffe unterscheiden sich folglich auch in ihrem Bezug zur Zeit. Die Krise ist gegenüber der Katastrophe langatmiger und meist weniger plötzlich eintretend – sie schwelt, ist eine Phase und muss nicht in die Katastrophe umschlagen. Die Katastrophe kennzeichnet eine plötzliche und extrem hohe Zeitverdichtung. Ihre unberechenbare Kraft evoziert heute vor allem Metaphern des Wassers und der übermächtigen Welle. Bei der Krise bemühen wir dagegen weniger reflexartig Vergleiche zu Naturgewalten. Anders als der Katastrophe wohnt der Krise eine technisch-systemische Seite (Demokratie-, Wirtschafts-, Bildungskrise usw.) inne. Sie ruft die Spezialist:innen , Technokrat:innen und Krisen-Manager:innen auf den Plan.

Dass wir mit den 2010er Jahren von dem Krisen- langsam in ein Katastrophenjahrzehnt schreiten, mag nicht nur einer der Moderne inhärenten Steigerungslogik entspringen. Die langen Jahre der weg-managebaren Klimakrise scheinen endgültig vorbei. In Form von Katastrophen verschafft sich die Natur, in gefühlt immer kürzeren Abständen, mediales Gehör. Inzwischen hinterlässt die Klimakrise auch in Deutschland konkrete Spuren. Dies mag hoffentlich zweierlei bedeuten: Dass der Irrglaube von der Klimakrise als einer mit ruhiger Hand zu verwaltenden System-Störung der Vergangenheit angehört. Und dass nicht vergessen wird, dass aktuelle wie künftige Naturkatastrophen nicht vom Himmel fallen, sondern menschliche Ursachen haben. Die festen Komposita Nuklearkatastrophe oder Reaktorkatastrophe sprechen letztlich seit Jahrzehnten von der katastrophalen Beziehung des Menschen zur Natur. Der erfindungsreiche Homo technicus hat spätestens im 20. Jahrhundert endgültig seine Unschuld verloren und kann es „an Kraft und Universalität mit den großen Gewalten der Natur aufnehmen“, so der Geologe Antonio Stoppani bereits 1873 (der ganz nebenbei von einer „anthropozoischen Ära“ sprach).

Ein oftmals weniger beachteter Unterschied zwischen den Begriffen Katastrophe und Krise besteht darin, dass die Krise indenMenschen einziehen kann. Der Verlust des inneren Gleichgewichts und die zunehmende Überforderung können zur allmählichen Lähmung führen und gewohnte Problemlösungsstrategien außer Kraft setzen. Man durchlebt eine innere Krise – eine Katastrophe erlebt man. Sie kommt von außen auf einen zu bzw. über einen, zieht ins Innere und kann sich zur langjährigen traumatischen Krise verkrusten. Begrifflich scheint es kein inneres Äquivalent zur Katastrophe zu geben: Belastungsstörung (zu technisch?), Trauma (langfristiger?) oder Schock (zu passiv?)?      

Das Innen/Außen-Konstrukt bei „Krise“ und „Katastrophe“ drückt sich ebenfalls in den Konstruktionen von Ich/Du, Wir/Ihr bzw. Wir/Die aus. Ein Innen, welches sich durch eine von außen hereinbrechenden Katastrophe bedroht sieht, kann gleichermaßen aus einem Ich oder einer Gemeinschaft mehrerer Menschen bestehen. Wörter wie „Identität“ oder „Heimat“ schwingen dann schnell mit. Am Beispiel der Begriffe „Flüchtlingskrise“ und/oder „Flüchtlingskatastrophe“ sei darauf verwiesen: Die sprachliche Entscheidung gegen die Krise und für die Katastrophe bedeutete auch eine Entscheidung für bestimmte Assoziations- sowie Emotionsketten. Diese sind gekoppelt an die dichotomisch konstruierte Innen/Außen-Differenz: Flüchtlingskrise beinhaltet ein technokratisch-managebares „wir schaffen das“. Die Flüchtlingskatastrophe trägt bereits die „Flüchtlingswelle“ in sich, schlägt Alarm und versetzt Demokratie sowie Diskussionskultur in den Ausnahmezustand. Die Außengrenzen werden abgedichtet, „Dämme“ errichtet und die europaunwürdigen „Push-Backs“ gelten keinen „Wellen“, sondern hilfesuchenden Menschen. Das Alarmierende des Begriffs Katastrophe mag zugleich dazu führen,  dass sich so viele Helfer:innen der Ausnahme stellen, aus ihrem normalen Alltag heraustreten und sich in der „Welle“ engagieren; sich der Unmenschlichkeit der Wir/Die-Konstruktion widersetzen.

Der inzwischen schneller erfolgende Griff zum Begriff „Katastrophe“ mag auch daher rühren, dass ein allgemeines, seit längerem kultiviertes Krisengefühl uns in der Naherwartung der Katastrophe hält – und die Atmosphäre für autoritäre Stimmen und illiberale Prinzipien bereitet (anstatt ehrgeizigere Klimaschutz-Ziele zu begünstigen). Die politischen Hardliner (fast ausschließlich Männer, ja) arbeiten nahezu alle vornehmlich mit der Innen/Außen-Dichotomie, dem Rückzug ins „Innen“. Die (exogenen) Katastrophen helfen dieser Rhetorik anscheinend, denn sie treffen „einen Nerv“. Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch rückt bei der Frage nach dem „Warum?“ die voranschreitenden Transformationsprozesse der Globalisierung in den Blick. Sie habe schleichende, mitunter tiefgreifende Veränderungen für jede:n einzelne:n gebracht, seien es Onlinehandel, Smartphone, Gendern oder unübersichtliche Weltordnungen. Veränderungen bergen Hoffnungen, aber auch Ängste. Crouch zeigt deutlich, dass „sich im frühen 21. Jahrhundert ein wiedererwachender Nationalismus bei der breiten Masse zur herrschenden Kraft entwickelt“ hat. In seinem Buch „Der Kampf um die Globalisierung“, 2018/20, legt Crouch eine kulturgeschichtliche wie gegenwärtige Analyse der Globalisierung vor. In einer Gewinn- und Verlustrechnung versucht er aufzuzeigen, warum es sich um die Globalisierung und für transnationale Ideen zu kämpfen lohnt. Die Ängste vor den Katastrophen „da draußen“ – eine Krisen-Verunsicherung gepaart mit leicht zu schürenden Verlustängsten – lassen den britischen Politikwissenschaftler, Soziologen und Brexit-Zeitzeugen gewarnt in die Zukunft blicken.       

Sprachlich rollt die „Coronakrise“ in Katastrophen-„Wellen“ „über“ uns. Doch klingt das plötzliche und eruptive des Naturkatastrophenvergleiches immer hohler.  Weiterhin gilt es, den „Wellen“ mit Intensivbettenzahlen, Pflegepersonal, Impfungen und Sauerstoffgeräten standzuhalten. Zurückdrängen („push back“) und „brechen“, die Worte kommen einem bekannt vor. Innerhalb der Katastrophe gelten unterschiedliche Ausnahmezustände – Regierungen schließen die Grenzen, Notfonds werden aufgelegt, manche Staatslenker:innen spekulieren laut, von welchem Außen der Feind ins Innen der Nation gedrungen sei, sprechen vom Krieg und nationalisieren das Virus, was Gegner:innen der Corona-Maßnahmen aufgreifen. In Bus, Bahn, in der Uni, der Hausgemeinschaft oder am Arbeitsplatz kann jede:r den „Feind“ in sich tragen. Viele, zu viele Tote, noch immer. Im Gegensatz zur „Krise“ ist die „Katastrophe“ emotional-assoziativ näher am „Krieg“. Abermals, doch anders als bei der Flüchtlings„krise“, gerät die Innen/Außen-Dichotomie ins Schlingern. Der „Kampf“ fand und findet nicht bloß an den Außengrenzen statt und kann auch nicht hinter diese „abgeschoben“ werden. Die globalisierte Pandemie betrifft das gespaltene Innen jedoch in verschärfter Weise: Familie, Freundeskreise, Vereine, Parteien, Medien, Kolleg:innen, Generationen usw. sind nicht in Bezug auf ein gefühltes oder konstruiertes Außen anderer Meinung, sondern in Bezug auf „unsere“ Werte, „unseren“ Zusammenhalt, „das“ „Uns“ an sich. Und, viel schmerzhafter: nicht nur die gesellschaftlichen „Uns“ bröckeln, auch das stabil geglaubte „Uns“ meines Lebens wankt. Wie verhalte ich mich in einer „Katastrophe“, die nicht immer klar ersichtlich, und in der mir die Katastrophenmaßnahmen als eigentliche Katastrophe sicht- und fühlbar sind? Was passiert, wenn mir dem entgegen das verleugnend-ignorante Verhalten meiner Mitmenschen als die Katastrophe erscheint und mir lebensbedrohlich ist? Krisen durchlebe ich innerlich, die Katastrophe kommt von außen auf mich zu. Ist diese begriffliche Differenz zu halten? Es gibt einen älteren Ausdruck, der das Moment einer „inneren Katastrophe“ vielleicht umschreiben kann. Er adressiert ganz bildhaft die Innen/Außen-Differenz – und durchkreuzt selbige: außer sich sein, außer sich geraten.

II Krisenkunst und Katastrophenkunst: Fortsetzung folgt

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