LIVE AUS DEM STUDIUM


LIVE AUS DEM STUDIUM

Pandemie. Ein Fremdwort in aller Munde. Ich war keine 18, als es sich zum ersten Mal in unseren Alltag zwang, bald bin ich 20.

Schlechtes Timing. Das habe ich oft gehört in dieser Zeit. Du hast aber wirklich schlechtes Timing. Schlecht getimt, das Abitur in so einer Phase zu schreiben. Schlecht getimt, der erste große Umbruch. Schlecht getimt, der Versuch das Leben zu planen, während die ganze Welt Angst vorm Sterben hat. Schlecht getimt, das Erwachsenwerden.

Die ersten Wochen nach meinem 18. Geburtstag waren die schlimmsten. Mein Vater schaute die 8-Uhr-Nachrichten. Die 6-Uhr-Nachrichten. Die 4-Uhr-Nachrichten. Ich wusste immer noch nicht sicher, ob ich Abiturprüfungen schreiben würde. Ich stand kaum auf. Ich fühlte mich, als trauerte ich. Um Pläne, Vorhaben, Erfahrungen, die Person, zu der sie mich gemacht hätten. Ich spürte, dass Trauer allgegenwärtig war in dieser Zeit.

Physisch machte ich eigentlich gar nichts. Dann kam die Akzeptanz, langsam aber sicher. Mein Leben war nicht mehr, wofür ich es gehalten hatte, aber es musste weitergehen. Ich suchte mir einen Job. Ich entschied mich endlich für ein Studium. Und ich war mir sicher, dass die Dinge spätestens dort wieder Fahrt aufnehmen würden. Etwas, jemand Neues kennenlernen, sehen, erleben: Die Aussicht erschien mir wie die beste seit langer, langer Zeit. In mir trafen Hoffnung und Sehnsucht nach Abwechslung auf die Realität des Online-Studiums und ernüchternde Berichte mir bekannter Studierender. Also schraubte ich meine Erwartungen herunter.

Nicht weit genug. Einer mehrstündigen Einführungsveranstaltung über Zoom folgte kommentarlos die erste Uniwoche. Ich gab mir Mühe, mindestens eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltungen aufzustehen. Etwas anderes anzuziehen als meinen Pyjama. Zu frühstücken und mich an den Schreibtisch zu setzen. Die zweite Woche. Die Dritte. Frühstück machte ich mir mittlerweile während der Vorlesungen. Die Vierte. Meine Jeans lagen unberührt in meinem Kleiderschrank, zu unbequem, um den ganzen Tag am heimischen Schreibtisch zu hocken. Die Fünfte, die Sechste. Ich stand ein paar Minuten vor Vorlesungsbeginn auf. Reichte absolut, um im virtuellen Hörsaal anzukommen. Worum es hier eigentlich so richtig ging? Hatte ich immer noch nicht verstanden. Die Siebte. Ich frühstückte während der Vorlesungen, kochte, räumte auf, machte Sport, alles, um nicht 90 Minuten lang in die schreckliche Leere schwarzer Kacheln voller Namen zu starren, mit denen ich kein Gesicht außer meinem eigenen verband, das sich transparent im Laptopbildschirm spiegelte. Blass. Die Achte. Meine Aufmerksamkeitsspanne bewegte sich auf dem Niveau einer Fruchtfliege. Verzweifelte Übungsleitende baten uns darum, doch bitte die Kameras anzuschalten, damit sie nicht immer das Gefühl hätten, mit sich selbst zu reden. Ein stummer Hilferuf? Mein Mitleid wurde von meinem Anblick im Spiegel erstickt. Meine Kamera blieb aus. Die Zehnte. Müsste ich nicht etwas lernen? Ich hatte keine Ahnung, wie Studieren funktionierte. Ab und zu schlug ein optimistisch als „Lerngruppe“ betitelter Gruppenchat Alarm, wenn einer von uns wieder völlig verloren war. Die anderen versicherten, dass sie auch nichts begriffen. Beruhigend.

Der Sommer brachte ein Aufatmen. Infektionszahlen sanken, auch im Studienalter kam man langsam an Impfungen. Es wurden Treffen geplant, ich hatte Hoffnung, den Kontakt mit den zwei, drei Menschen, die ich am Anfang des Semesters kurz getroffen hatte, zu festigen. Sogar von Präsenzveranstaltungen im zweiten Semester wurde gemunkelt.

Dann standen die Klausuren vor der Tür. Milde Panik machte sich breit. Aber naja, die sind doch auch online, hörte ich. Im Notfall hilft Google. Corona-Freischuss. Ist ja nicht so, als würdest du gerade für dein späteres Leben lernen. Ist ja nicht so, als bräuchtest du den ganzen Kram nochmal, den du dieses Semester nicht begriffen hast. Klausuren geschrieben. Zwei bestanden. Von fünf.

Auf ins zweite Semester. Das konnte doch nur besser werden. Einige Leute kannte ich endlich, ein paar mochte ich sogar. Als feststand, dass wir endlich die Universität von innen sehen dürften, stieg die Motivation merklich an. Meine Aufmerksamkeitsspanne dehnte sich langsam wieder auf das Gewohnte hinaus, Vorlesungen waren nicht mehr unerträglich, ja zum Teil sogar interessant. Danach ergaben sich spontane Pläne. „Wir wollten jetzt in die Stadt, kommst du mit?“ Unglaublich. Ich fantasierte über Nachmittage in der Bibliothek, Fremdsprachenkurse, Studierendenpartys, Hochschulsport. Meine über das letzte Semester als völlig romantisiert verworfene Vorstellung des Lebens als Studentin erschien mir auf einmal gar nicht mehr so unrealistisch. Ich verstand endlich besser, wie das mit dem Lernen im Studium eigentlich von statten gehen soll und meine schlechten Noten aus dem ersten Semester ergaben einen Sinn. „Das ist kein Wunder unter den Umständen“, beruhigte mich ein Übungsleiter. „Hätte ich so anfangen müssen wie ihr, hätte ich wahrscheinlich direkt wieder abgebrochen.“ Für einen kurzen Moment sah es so aus, als käme die Welt vielleicht in Ordnung.

Mittlerweile schaute mein Vater nur noch die 8-Uhr-Nachrichten. Manchmal die um 6. Und so merkte ich schnell, als die Stimmung wieder kippte. Zu viele Ungeimpfte. Die Impfquote zu niedrig, die Infektionszahlen zu hoch. Impfdurchbruch. Noch ein Impfdurchbruch. Die ersten Schließungen. Aber doch nicht die Universität, sagte ich mir. Der Impfstatus wurde kontrolliert, die Vorlesungen zusätzlich online gestreamt, in den Hörsälen saßen nur vollständig geimpfte, junge Menschen. Junge Menschen, die sich nicht infizieren, aber auch das Gefühl zu leben haben wollten. Freunde finden. Ihr Studium abschließen.

Wenig später die Auswirkungen der düsteren Nachrichten: Die Universität blieb zwar offen, aber kaum ein Lehrender wollte noch vor Ort unterrichten. Die ersten E-Mails trudelten ein. „Aufgrund der momentanen Situation…“ „aus gegebenem Anlass…“ „ausschließlich online.“ So schnell war es wieder vorbei. Die erste und letzte und seit langem geplante und erwartete Studi-Party wurde eisern durchgezogen. So lange hatte ich mich darauf gefreut. Als sie stattfand, blieb ich Zuhause. Ich traute mich nicht, hinzugehen. Ich war deprimiert. Woche 1.1 des Online-Unterrichts war noch schlimmer als Woche 1.0. Die Fachschaft schloss, mit Fragen kam ich mir hilflos vor. Ich hatte das Gefühl, ganz normale Leistungen seien gefordert, unter Umständen, die sich alles andere als normal anfühlten. Unnatürlich. Mittlerweile wurde wohl eine gewisse Abgestumpftheit erwartet. Ich versuchte dranzubleiben. An meinen neu gefundenen Freunden und Lernmethoden. Vergeblich. Immer öfter kamen Zweifel auf. Immer öfter stellte ich alles in Frage.

Ich wusste nicht wer ich bin oder was ich wollte und ob ich das, was ich angefangen hatte, einfach nur angefangen hatte, um irgendetwas anfangen zu können oder es wirklich anfangen wollte. Ich wusste nur, dass ich nicht glücklich war, da, wo ich im Moment war. Aber war das nicht normal, nicht glücklich zu sein, im Corona-Studium? Kreisende Gedanken. Zoom-Links. Die stressigen Teile des Studiums, und nicht einmal die richtig. Das hält doch kein Mensch aus, dachte ich mir. Irgendwie tuen wir es trotzdem.

Das Studium, besonders der Studienanfang, während der Corona-Pandemie war, und bleibt, eine Herausforderung. Wer jung und gesund ist, wurde von Anfang an um Solidarität gebeten, zu Recht. Zwischen Risikopatienten, Systemrelevanz und vollen Intensivstationen driften die Probleme der Studierenden jedoch schnell in die Nebensächlichkeit ab. Zu alt, um die arbeitenden Eltern ans Haus zu fesseln, zu jung, um selbst für die schwächelnde Wirtschaft ins Feld zu ziehen – an den Universitäten tummeln sich die, die niemand so wirklich braucht. Und das spüren sie auch.

Viele fühlen sich alleine gelassen. Als würde ihre Zeit von ihnen unberührt an ihnen vorbeiziehen. Die Jahre zwischen 20 und 30 prägen die Struktur des vom heimischen Nest unabhängigen Lebens langfristig, und es ist unheimlich, diese Prägung scheinbar zu verpassen. Kontakt, Menschen mit Meinungen, Feiern, gegenseitiger Support und geteilte Ziele sind vielleicht nicht systemrelevant. Für Wohlbefinden, Entwicklung und Gesundheit der Einzelnen haben sie dadurch jedoch nichts von ihrer Wichtigkeit verloren. Erfahrungen wollen gemacht, Dinge ausprobiert werden.

Der alte Slogan „Naja, das Studium ist ja nicht nur zum Partymachen da“ trifft hier leider alles, nur nicht den Nagel auf den Kopf. Denn den meisten Studierenden, denen ich begegnet bin, muss das nicht gesagt werden. Die Lernbereitschaft ist da. Die Neugier, die Motivation. Der Ehrgeiz auch. Es bleibt das Gefühl, keine Möglichkeit zu haben, diese auszuleben.

Es geht hier nicht darum, Beschwerden anzuführen, anzuprangern oder mich selbst zu bemitleiden. Ich bin dankbar dafür, dass ich zu Beginn der Pandemie zwar um meine Pläne trauerte, aber nicht um Tante, Großvater oder Freundin. Ich verlor keinen lebenswichtigen Job, ich arbeitete keine unterbezahlten Schichten auf Intensivstationen. Es geht hier nur um einen Versuch, eine verwirrende, manchmal merkwürdig faszinierende, belastende Zeit in Worte zu fassen und die Gedanken zu teilen, mit denen eine Menge von uns vielleicht in so manchem Zoom-Meeting alleine zu sein glaubten.

Judith, 19 Jahre alt, machte im Frühjahr 2020 das berüchtigte „Corona-Abitur“ und startete im Sommersemester des folgenden Jahres mit ihrem Studium.


„Schlecht getimt, das Erwachsenwerden.“